Ich hätte gerne mal gewusst, wie Ihre Einstellung zu den alttestamentlichen Grausamkeiten ist. Vernichten, töten und uns Menschen im gleichen Atemzug das Gebot geben: "Du sollst nicht morden" (2.Mo 20,13)! In Josua 7 lässt ER unschuldige Frauen, Kinder, Säuglinge und Tiere grausam töten, weil einer, nämlich Achan, geklaut hatte. Und dann beten wir IHN an als den heiligen himmlischen Vater?
In Josua 7 wird nicht berichtet, dass unschuldige Säuglinge getötet wurden. Sogar bei der Einnahme Jerichos im 6. Kapitel ist, wenn man genau liest, davon ebenfalls keine Rede. Wir wissen nicht, wie alt die Kinder Achans waren und kennen auch nicht das Alter der vielen anderen Kinder, die wegen Achans Habgier zu Waisen wurden und deren Mütter zu Witwen. Achan führt durch seine Habgier und Verantwortungslosigkeit das Gericht über das ganze Volk herbei. Indem er etwas Gebanntes an sich nahm, bestahl er Gott. Selbst in unserer heutigen zivilisierten Gesellschaft wird ein Diebstahl in Kriegszeiten als Plünderung bezeichnet. Die Wahrscheinlichkeit, dass Plünderung mit dem Tod bestraft wird, ist umso höher, je zugespitzter die Kriegssituation im bestohlenen Land ist. Aus der jüngsten Geschichte gibt es dafür viele Beispiele, doch niemand stellt hierbei die Frage: "Warum?" Wir vergessen oft, dass Israel damals ums Überleben kämpfen musste. Die Situation des Volkes war nicht leichter als die Lage der Russen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, als die Nationalsozialisten die Stadt Stalingrad angreifen wollten. Ebenso wie es keinen Sinn macht zu erklären, warum Adam und Eva nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen durften, kann auch nicht erklärt werden, warum es verboten war, das Gebannte anzurühren. Gott hat es so bestimmt – wer kann das infrage stellen? Der Mensch hat nur die Möglichkeit, sich demütig damit abzufinden oder das Gebot zu ignorieren, d.h. sich gegen Gott aufzulehnen. Das ist der Zweck von Verboten. Sie dienen als Indikator dafür, wie unser Ich vor Gott steht.
Natürlich ist der Tod von Kindern immer schlimm, damals wie heute. Nicht nur zu biblischen Zeiten, sondern auch heute sind in den meisten Fällen die Erwachsenen schuld am Tod von Kindern. Gleichgültigkeit, Egoismus, Machtgier und Habgier der Erwachsenen führen zu Krieg, Hunger und Krankheit. Der einzige Trost kann an dieser Stelle sein, dass die Kinder in eine bessere Welt kommen. Aus der Perspektive der Ewigkeit sind die Lebensjahre nur einige Augenblicke. Wir dürfen uns sicher sein, dass die Kinder zu Gott kommen. Wohin die älteren, d.h. die bereits erwachsen gewordenen Kinder kommen, ist eine Frage ihres Glaubens. Dieser Trost kann aller- dings nicht immer den Trennungsschmerz der Eltern lindern.
Es ist mir nicht ganz klar, warum einige Menschen versuchen, das Gebot, dass wir uns nicht so verhalten sollen wie Kain, und das Gericht über die Sünde in einen Topf zu werfen. Denn welches Mittel Gott für das Gericht über die Völker auswählt, sei es Wasser, Feuer oder das Volk Israel, ist ganz unwichtig. Ihre Frage wird oft formuliert und das einzige, was mich daran erstaunt, ist die Bibelstelle, die herangezogen wird, um dem Himmel wieder einmal mit der Faust zu drohen. Es wird nie die Sintflut genannt, auch nicht Sodom und Gomorra, ebenso wenig wie die Gerichte aus der Offenbarung, die mir viel aktueller erscheinen als das, was irgendwann einmal geschehen ist. Denn auch in Zukunft werden Kinder sterben. Es werden zu diesem Zweck immer nur Episoden zitiert, die stattgefunden haben, als Gott Seine Verheißung erfüllt hat, die Er Abraham gegeben hatte.
Lassen Sie uns die Emotionen beiseite legen
und uns die wirklich wichtige Frage
stellen: Warum hat Gott, der schon vorher
um den Ungehorsam dieser Völker wusste,
das Problem nicht genauso gelöst wie bei
Sodom und Gomorra?
Die Geschichte von Sodom und Gomorra
ist berühmt und deshalb halte ich es nicht
für notwendig zu erklären, warum der Herr
diese Städte gerichtet hat. Eine Antwort auf
meine Frage steht in 1. Mose 15,16: "...denn
die Missetat der Amoriter ist noch nicht
voll". An dieser Stelle werden Gottes Geduld
und Langmut deutlich. Erst 430 Jahre
später hält Gott Gericht über sie durch das
Volk Israel. Bis dahin bekamen die Völker
eine Chance zur Umkehr, wie auch der Prophet
Hesekiel schreibt: "Wenn sich aber der
Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden,
die er getan hat, und hält alle meine Gesetze
und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er
am Leben bleiben und nicht sterben" (Hes
18,21). Doch hier stellt sich sogleich die
nächste Frage: Wenn Gott auch so weiß,
das die Missetat der Völker das Maß überschreiten
wird, warum wartet Er dann darauf?
Wäre es nicht effektiver, der Missetat
früher ein Ende zu setzen?
Hier ist es wichtig, dass wir uns an die
Rettung Rahabs erinnern. Rahab war die
einzige aus diesen gottlosen und deshalb
verurteilten Völkern, die an den Gott Israel
glaubte: "Ich weiß, dass der HERR euch
das Land gegeben hat, [...] denn der HERR,
euer Gott, ist Gott oben im Himmel und
unten auf Erden" (Jos 2,9.11).
Der Apostel Schaul (Paulus) sagte Folgendes
über sie: "Durch den Glauben kam die
Hure Rahab nicht mit den Ungehorsamen
um, weil sie die Kundschafter freundlich
aufgenommen hatte" (Hebr 11,31).
Darüber hinaus wird von niemandem aus
den gottlosen Völkern berichtet, der zu
Gott umgekehrt wäre. Daraus folgt, dass
Gott um einer Frau willen, Rahab, die Missetat
der Völker 430 Jahre lang duldete, um
sie zu retten. Wäre ein Ereignis aus dieser
Geschichte anders verlaufen oder hätte es
gar nicht stattgefunden, wäre Rahab vielleicht
nicht zum Glauben an den Herrn gekommen.
Jeschua sagte: "So, sage ich euch,
wird Freude sein vor den Engeln Gottes
über einen Sünder, der Buße tut" (Lk 15,10).
Wir sollten uns bewusst machen, dass Gott
in der Ewigkeit lebt. Im Rahmen der Ewigkeit
ist es nicht wichtig, wie lang oder wie
wohlhabend ein Mensch in dieser Welt
lebt. Es spielt vielmehr eine Rolle, ob der
Mensch ewig und glücklich bei Gott leben
wird oder ob er den ewigen Tod stirbt und
ohne Gott leiden wird.
Gott verspricht uns nicht, dass wir wegen
unserem Glauben ein sorgloses Leben hier
auf Erden haben werden, sondern ein erfülltes
Leben in der Ewigkeit. Dabei ist Ihm
jedes Leben wichtig, deshalb hat Er sich
nicht verschont, um eine Sühne für alle zu
schaffen: "Denn so hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren
geht, sondern ewiges Leben hat" (Joh
3,16).
Welche Eigenschaft besitzt Gott also, wenn
Er sich so um eine Seele sorgt und so viel
Geduld zeigt, ohne sich selbst zu verschonen?
Das ist natürlich die Liebe. "...Gott ist
Liebe" (1.Joh 4,8), schreibt Johannes und es
gibt keinen Grund, ihm nicht zu glauben.
Diese Geschichte ist die Fortsetzung des Auszugs – und damit ist sie eine Geschichte des Gerichts. Für Missetäter ist sie schrecklich, für Gerechte ist sie erstaunlich. Diese Geschichte wird abhängig davon, welcher Gruppe man selbst näher ist, entsprechend auf einen wirken.
S. K.